Mit den Möglichkeiten des Internets kann Lernen überall stattfinden. Solches informell erworbenes Wissen wird wichtiger Bestandteil des Kompetenzprofils: Wie gehen wir mit einer hochkomplexen Wissenswelt um, in der es keine eindeutigen Qualifikationen des Wissens mehr gibt?
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Phase 1: Bestandesaufnahme - Informelles Lernen, Wunschdenken oder zunehmende Realität?

Fritz Wüthrich
352 days ago

Surfen heisst ursprünglich, auf den Wellen, also an der Oberfläche, zu reiten. Geschieht beim Surfen im Internet dasselbe, oder kann das dort vorhandene Wissen wirklich zielgerichtete und nachhaltige Lernprozesse auslösen? Welchen Stellenwert haben solche Lernprozesse heute schon gegenüber dem formellen Lernen in der Schule?

Radfahren kann kaum im Internet gelernt werden. Neben dem Wissenserwerb gehören zum Lernen auch der Erwerb von mannigfachen Fertigkeiten und Fähigkeiten, und nicht zuletzt auch von sozialen Kompetenzen. Können hier beispielsweise soziale Medien eine Rolle spielen?

In einer ersten Phase der Diskussion möchten wir eine Art Bestandesaufnahme machen: In welchen Bereichen kann informelles Lernen überhaupt zum Tragen kommen? Haben Sie als Lernende, Lehrpersonen oder Bildungsverantwortliche konkrete Beispiele oder Erfahrungen zu informellem Lernen? Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung ein?

Ihre Einschätzungen, Hinweise, Dokumente und Links zum Thema sind herzlich willkommen. Ich freue mich auf eine interessante Diskussion.

Hanna Muralt Müller
350 days ago

Lieber Fritz

Informelles Lernen gab es immer schon. Wir nehmen heute informelles Lernen viel bewusster wahr, und neu sind der Begriff sowie die Möglichkeit, vermehrt über das Internet zu lernen.

Verschiedene wissenschaftliche Studien kommen zum selben Ergebnis: Das Wissen und Können, welches Berufsleute an ihrem Arbeitsplatz anwenden, ist bis zu 80 Prozent informell erworben, bei der Arbeit, im Austausch mit erfahrenen Kolleginnen und Kollegen oder Vorgesetzten (Aussage von Dr. Pieter de Vries, TU-Delft am SFEM 2010).

Die schweizerische Berufsbildung nutzt dieses Phänomen des Lernens am Arbeitsplatz mit Erfolg. Wir sind seit langem davon überzeugt, dass Lernen auch so erfolgen kann, allerdings voraussetzt, dass vorgängig die nötigen theoretischen Grundlagen systematisch – eben in formalisierten Ausbildungsgängen – erworben wurden. Aus der Hirnforschung wissen wir, dass nur dazu gelernt werden kann, wenn bereits im Hirn Strukturen für das Vernetzen neuer Information mit bereits erworbener aufgebaut wurden. Dieses Wissen und Können wurde immer auch schon ausgewiesen, z.B. im Lebenslauf und den Referenzen, die Bewerbungsunterlagen beiliegen.

Das Internet unterstützt sowohl formales Lernen wie es auch informelles Lernen ermöglicht. Besonders interessante Anwendungen sind für mich Lern-Kurzfilme, die aus dem Arbeitsalltag für den Arbeitsalltag erstellt werden. Das Wichtige ist hier nicht, dass systematisch Lernstoff angeeignet, geprüft und Lernerfolge zertifiziert werden. Es geht hier darum, dass Arbeitnehmende in Wartezeiten sich etwas aneignen können, was für ihre Arbeit unmittelbar Nutzen bringt und umgekehrt, Arbeitnehmende über die Plattform Probleme und ev. Lösungen, die sie bereits gefunden haben, zurückmelden können, und so eine Lerndatenbank (im Fall des Universitätsspitals Basel auf höchstem wissenschaftlichem Niveau) entsteht.

Hier zwei besonders interessante Beispiele:
Die Schweizerische Post:
http://www.selc.ch/content/e433/e846/e855/MaxGissler_BranchenbeispielSchweizerischePost_ger.pdf
Universitätsspital Basel:
http://www.selc.ch/content/e433/e846/e860/ChristophPimmer&UrsGenewein_BranchenbeispielMedizin_ger.pdf

Beide Beispiele stehen auch für die Idee „ Caring and sharing“ (http://www.ict-21.ch/l4d/pg/pages/view/17637/): Es wird etwas realisiert, was bisher ohne die neuen Technologien nicht möglich war. Das Neue entsteht in Teamarbeit, verändert Einstellungen und Werthaltungen (mehr direkte Mitwirkung / Wertschätzung für die Mitarbeitenden).

Hanna

Fritz Wüthrich
347 days ago

Liebe Hanna

 

Herzlichen Dank für deinen Beitrag mit den Hinweisen auf weiteres Material. Ich bin ganz mit dir einverstanden: Informelles Lernen hat schon immer stattgefunden. Ich bin aber überzeugt, dass wir mit den neuen Technologien in ganz neue Bereiche des informellen Lernens vorstossen, und dass sich damit neue Möglichkeiten, Chancen und auch Gefahren (z.B. Beliebigkeit des Wissens) ergeben.

 

Michèle Drechsler hat dazu in ihrem Post Hinweise auf interessante Artikel gemacht, die sie geschrieben hat. Leider habe ich die erste Version wegen eines technischen Fehlers meinerseits löschen und die ganze Diskussion neu eröffnen müssen. Damit ist auch ihr Beitrag verloren gegangen. Ich werde sie aber einladen, ihren Beitrag neu zu posten.

 

Fritz

Fritz Wüthrich
345 days ago

Michèle Drechsler, inspectrice d'école en France, a soumis le texte ci-dessous avec des liens très intéressants. Malheureusement j'ai dû recréer le groupe pour une raison technique, en perdant sa contribution. La voilà de nouveau:

"Ich sende Ihnen die Artikel, die ich über informellen Ausbildung in den Bereichen Bildung geschrieben habe.

http://www.ludovia.com/news-135-904.html

http://cursus.edu/dossiers-articles/articles/9713/social-bookmarking-pour-formation-tout-long/

http://cursus.edu/dossiers-articles/articles/5200/social-bookmarking-formation-tout-long-vie/


Beste Grüssen

Michèle Drechsler (aus Frankreich)"

Im zweiten Teil ihres Interviews (3. Link) braucht sie die interessante Bezeichnung "savoirs bricolés" für informelles Lernen:

"Savoirs académiques et savoirs bricolés se complètent

Que nous apprend le social bookmarking sur le changement de perception de notre rapport au savoir et aux connaissances aujourd'hui ?

L’apprentissage informel c’est l’apprentissage partout et en tout temps par le biais des autres dans les réseaux de connexion. Nous avons un nouveau rapport au savoir et aux connaissances et la frontière entre temps de travail et temps personnel s’estompe.

Le socialbookmarking me semble être une traduction particulièrement intéressante de la théorie du connectivisme qui avance que l’apprentissage est le résultat de la connexion de différentes sources d’information, que c’est un processus dynamique reposant sur la mise à jour régulière de l’information dans les réseaux en participant à la création des connaissances. Cette théorie développée par George Siemens constitue un modèle d’apprentissage prenant en compte les bouleversements sociaux occasionnés par les nouvelles technologies et qui impliquent que l’apprentissage n’est plus seulement une activité individualiste et interne, mais est aussi fonction de l’entourage et des outils de communication dont on dispose. (...)"

Michèle Drechsler
344 days ago

Bonjour

Je vous envoie deux liens qui peuvent vous intéresser avec des articles sur la formation informelle. Je fais référence au rapport OCDE dans l’article 2 et vous avez le lien. http://cursus.edu/dossiers-articles/articles/9713/social-bookmarking-pour-formation-tout-long/http://cursus.edu/dossiers-articles/articles/5200/social-bookmarking-formation-tout-long-vie/

 

 

Bien cordialement

Michèle Drechsler

Fritz Wüthrich
344 days ago

Der Bericht der OECD zum Thema informelles Lernen, den Michèle Drechsler im zweiten Teil ihres Interviews erwähnt, scheint mir für unsere Diskussion grundlegend zu sein. Untersucht wird darin die Politik bezüglich der Anerkennung von informell erworbenem Wissen in den verschiedenen Ländern. Die Links zur Website:

Französisch

Englisch

Der vollständige Bericht ist nicht gratis erhältlich, es gibt aber eine Zusammenfassung (f oder e), die dort heruntergeladen werden kann; ich habe sie auch in die Dateiablage (Group Files) gestellt.

Alan McCluskey
335 days ago

Thanks for the link, Fritz.

I find the definition of formal, informal and non-formal learning interesting. I think, however, that the OECD definition of informal learning is misleading. It says: 

Informal learning is never organised, has no set objective in terms of learning outcomes and is never intentional from the learner’s standpoint. Often it is referred to as learning by experience or just as experience.

This is what I call learning by osmosis. The major difficulty I find with this definition is that of the absence of intention. I think it would be clearer if it were clearly stated that the intention implied refers to learning. A lot of experience is developed in situations where there is clearly an intention at work but that intention is not perceived as related to learning.

This absence of intention to learn but the presence of learning all the same is one of the reasons that informal learning is hard for people to grasp. They do not see it as learning. And, as a result, find it difficult to consider how this "learning" might deliberately be improved.

Fritz Wüthrich
333 days ago

Thank you for your comment, Alan. I'm glad that you highlight this point, and I totally agree with you. The lack of intention isn't essential for informal learning.

On the contrary, as Michèle Drechsler quotes Wanda J. Orlowsky: «Le besoin d'information se manifeste lorsque l'individu souffre des lacunes cognitives qui entravent sa progression et génèrent de l'incertitude. Pour combler ces lacunes, il doit rechercher des sources d'information satisfaisantes et accessibles.» I think that's the power which drives most of informal learning.

The OCDE further distinguishes between informal and non-formal learning. I rather would simplify:

Formal learning is organised in an institutional framework, it has well defined learning goals and defined contents.

I would then summarize all other forms of learning under the term of informal learning.

Fritz Wüthrich
333 days ago

Ursprünglich war geplant, die Diskussion Ende Juni abzuschliessen. Ich schlage jedoch vor, sie bis auf Weiteres zu verlängern.

Hanna Muralt Müller
332 days ago

Lieber Fritz

Vorerst bin ich Dir dankbar, wenn die Diskussion in Deiner Gruppe bis auf Weiteres verlängert wird.
Deinen Vorschlag, nur zwischen „formal learning“ und „informal learning“ zu unterscheiden, finde ich richtig. Bezüglich der Definition „non-formal learning“ mit Bezug auf „informal learning“ besteht in der Fachwelt kein Konsens.

Bund (EVD/EDI) und Kantone (EDK) haben in einer wichtigen Pressemitteilung vom 30.5.2011 zu den bildungspolitischen Zielen für den Bildungsraum Schweiz ein Ziel zur Validierung dieser Lernleistungen festgehalten:
„Validierung von Bildungsinstitutionen: Den zunehmend flexiblen Laufbahngestaltungen mit Umorientierungen, Familienpausen und Wiedereinstiegen soll vermehrt Rechnung getragen werden. Nicht in der Schule erworbene Lernleistungen sollen zunehmend im formalen Bildungssystem als Vorleistungen angerechnet werden können.“ Link zur Pressemitteilung:
http://www.news.admin.ch/message/index.html?lang=de&msg-id=39393

Offensichtlich befasst sich nicht nur die OECD mit diesem Thema. Auch die schweizerischen Behörden sind sicherlich längst an der Arbeit.
Achtet auf den genauen Wortlaut: Diese Lernleistungen sollen vermehrt im formalen Bildungssystem als Vorleistungen angerechnet werden können.
Vom Arbeitsmarkt ist hier nicht die Rede. HR-Verantwortliche haben immer schon diese nicht in Diplomen und Zeugnissen ausgewiesenen Lernleistungen berücksichtigt oder gar die Kandidatinnen und Kandidaten der engsten Auswahl in Assessment mit spezifischen, für die zu besetzende Stelle wichtigen Fragen geschickt. Eine Bewerbung, welche neben den im formalen Bildungsprozess erworbenen Diplomen noch ein zusätzliches Portfolio der ausserhalb erworbenen Lernleistungen enthält, welches speziell auf die Anforderungen der Stelle Bezug nimmt, hat sicher grössere Chancen. Das wird vermutlich auch in Zukunft so bleiben.
Für die Weiterbildung ist es aber sehr relevant, ob Studierende Vorleistungen, die sie sich autodidaktisch oder eben im „informal learning“ angeeignet haben, angerechnet erhalten. Es wird Aufgabe dieser Institutionen sein, geeignete Verfahren zur Validierung postulierten Vorwissens zu entwickeln. Hierzu könnten neue Technologien zweckdienlich sein (z.B. Tests zur Selbstkontrolle durch die Lernenden und durch die Weiterbildungskurse durchführenden Institutionen).
Es ist darauf hinzuwirken, dass diese Anerkennung von Vorleistungen im künftigen Weiterbildungsgesetz verankert wird.
Warnung vor Bürokratie: Hingegen möchte ich vor jeglichem Perfektionismus waren. Es macht nicht Sinn, sämtliche informell erworbenen Lernleistungen validieren zu lassen. Dies förderte nur die Bürokratie auf beiden Seiten, bei Arbeitnehmenden wie Arbeitgebenden, und würde das Problem nicht lösen, dass Kompetenzen schwierig zu messen sind und bei der Besetzung einer Stelle ohnehin stets sehr spezifische Qualifikationen gefragt sind.

Liebe Grüsse, Hanna

Fritz Wüthrich
332 days ago

Liebe Hanna,

Herzlichen Dank für deinen Beitrag und den Hinweis auf die bildungspolitischen Ziele für den Bildungsraum Schweiz.

Du sprichst mir aus dem Herzen: Es kann ja nicht darum gehen, den informellen Erwerb von Wissen und Kompetenzen gegen die formale Bildung auszuspielen. Beide sollen sich ergänzen. Darum bin ich froh, dass von ofizieller Seite klar gesagt wird, dass informell erworbenes Wissen als Vorleistung im Rahmen von formalen Ausbildungen anerkannt werden soll. Das bringt ökonomische Vorteile (nicht nur in Geld, sondern auch in Zeit), sowohl für den Einzelnen, als auch für das Bildungssystem als Ganzes.

Die OECD sieht es genau gleich, im zweiten Abschnitt des Résumés heisst es unter anderem: «Elle (la reconnaissance des acquis d'apprentissages informels) peut par exemple dispenser de certains cours ou de certaines parties du cursus. De cette façon, les personnes peuvent mener à terme leur éducation formelle de manière plus rapide, plus efficiente et à mondre coût, ...».

Herzliche Grüsse

Fritz

Yvonne Buettner
329 days ago

Guten Abend an alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Die Schweiz hat sich zum Thema Validierung informell erworbenen Wissens auch Gedanken gemacht. Veronika Lévesque hat übrigens an dieser Studie mitgearbeitet.

http://www.ehb-schweiz.ch/de/ehb/publikationen/Documents/Schriftenreihe/EHB%20SR%201.pdf

Mich interessieren die Fragen, ob, wie, wo und wann bei den Jugendlichen informelles Wissen mit Hilfe digitaler Medien (Internet, iPhone, iPod, ...) erworben wird. Ich habe bisher noch keine Studien dazu gefunden. Ich denke, dass passiert viel öfters als angenommen.

Müssen wir z.B. die Lehrpläne weniger befrachten, damit die Jugendlichen auch in der Schule Raum haben, sich Wissen, das nicht den Zielvorgaben der Lehrperson entspricht, anzueignen? Ich stelle mir vor, dass dies sehr motivierend sein kann. Wir erleben immer wieder, dass Abschlussarbeiten in den Schulen ein sehr hohes Niveau erreichen, weil der Wissenserwerb eigene Wege gehen kann.

Liebe Grüsse, Yvonne

 

 

Bruno Wenk
248 days ago

Geschätzte Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Vielleicht sind die Daten des Bundesamtes für Statistik (BfS) zum Thema Weiterbildung für unsere Diskussion noch anregend? (http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/15/07/ind19.html)

Das BfS unterscheidet formale Bildung, nicht-formale Bildung und das informelle Lernen.

Für mich persönlich sind die Daten zur Teilnahme an informellem Lernen nach Bildungsniveau aufschlussreich: Alle Lernformen werden deutlich häufiger von Personen mit höherem Bildungsniveau genutzt. Der Unterschied ist bezüglich dem Studium von Fachliteratur am auffälligsten: 66% der Personen mit höherem Bildungsniveau im Gegensatz zu 14% mit obligatorischem Schulabschluss.

Fritz Wüthrich
245 days ago

Ich möchte die Diskussion zum Thema informelles Lernen wieder aufnehmen. Dass es neben dem formalen und nicht-formalen (Kurse, Tagungen, Weiterbildung usw.) auch informelles Lernen gibt, und dass dieses mit den heutigen Möglichkeiten der Informationstechnologie zunehmend an Bedeutung gewinnen könnte, ist unbestritten. Dies zeigt auch die Tatsache, dass sich neben der OECD zunehmend weitere Organisationen mit der Validierung bzw. Anerkennung solcher Bildungsleistungen befassen.

In der bisherigen Diskussion wurden vor allem Möglichkeiten genannt, solches informelles Lernen zu fördern und zu erleichtern, z.B. Social Bookmarking, Raum dafür geben in den Lehrplänen usw.

Es wurde auch auf die Definitionen von formalem, nicht-formalem und informellem Lernen hingewiesen (OECD, auch übernommen vom Bundesamt für Statistik für seine Weiterbildungsindikatoren).

Ich schlage vor, in den nächsten zwei bis drei Wochen das Thema der Anerkennung nicht formaler, bzw. informeller Bildungsleistungen zu diskutieren. Ich werde dazu einen neuen Diskussionsthread eröffnen.

Fritz Wüthrich